Kehr-Seiten

Georg Krenn aus Passau bindet Besen noch auf die traditionelle Art.
Der Besenmacher ist erst 92 Jahre alt.

Bayerischer WaldDie Ziege schmust wie ein Hund. „Unsere Emmi drückt sich gern an meine Beine“, sagt Christine Riesinger und lacht. „Sie mag Reisig sehr, deshalb endet die Hälfte der Besen, die der Papa macht, in ihrem dicken Bauch“.

Der Papa ist Georg Krenn, einer der letzten Besenmacher Deutschlands und mit 92 Jahren wohl der älteste. Er und Tochter Christine leben bei Passau, im winzigen Ort Ilzrettenbach.

Dort rollt ab und zu ein Auto über eine Landstraße, entlang an alten Bauernhäusern, Wiesen und Kühen. Mitten in dieser Ansichtskarten-Idylle liegt der Endlhof. Hier setzt sich Georg Krenn bedächtig vor eine rosa-lustige Vogelscheuche.

An seinem Hocker vorbei marschieren Brahma-Hühner, mit Klauen, die aussehen wie in Pelzschuhe gesteckt; mit Würde im Blick und Stolz in der Haltung. Die alte Rasse ragt mit 60 Zentimetern fast zu dem gebückten Greis hoch. Aber der schmunzelt nur über das aufgeregte Gackern, während seine Gedanken in die Vergangenheit wandern.


Bayerischer Wald„Das Besenmachen habe ich von meinem Vater gelernt“, sagt er. „Damals konnte das jeder hier im Bayerischen Wald“. Vor etwa 30 Jahren lösten Industrieprodukte die handgemachten Traditionsbesen ab.

Das alte Handwerk begann allmählich auszusterben. Heute fahren nur noch eine Handvoll Leute im November mit dem Traktor los und laden junges, noch sprödes Birkenreisig.

Georg Krenn sagt: „Weil im Winter auf dem Hof keine Arbeit mehr ist, bindet man die Besen im Winter“. Er zeigt uns, wie das geht. Als erstes zwickt er Nebenäste der Reisigzweige ab, damit der Besen nicht zu buschig wird. Dann schneidet er die Zweige mit seinen knorrigen, aber überraschend flinken Fingern auf gleiche Länge und bündelt sie.

Nun biegt er Weidenruten um die Hand, damit sie geschmeidiger werden. Schließlich wickelt er sie an zwei Stellen um das Ende des Reisigbündels, das jetzt schon recht kompakt aussieht.


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Trotzdem muss er zwischen diese zusammen gepressten Reisigzweige noch die angespitzten Weidenruten schlingen. Dazu bohrt er mit einem alten Werkzeug, dem Dorn, eine Öffnung.

Das sieht leicht aus. Aber wer ihn beobachtet, spürt, wie viel Kraft nötig ist. Wer hätte gedacht, dass sie in dem zerbrechlich wirkenden Mann steckt, der jetzt die Knoten in beiden Weidenruten ächzend mit einer Zange festzieht. Dann hantiert er geschickt mit einem scharfen Messer und schneidet das Besen-Ende, den „Sturz“ auf möglichst gleichmäßige Länge.


Bayerischer Wald„Heute ist das Besenbinden schon anstrengend. Früher war es das nicht“, sagt Georg Krenn, aber seine Augen lächeln dabei. Eine Brille braucht er immer noch nicht. Doch manche Fragen entgehen ihm. Vielleicht, weil er so versunken und selbstvergessen arbeitet. Bei anderen Fragen wiederum schaut er auf wie aus einer anderen Zeit.

Mit 15 Jahren arbeitete Georg Krenn in einem Steinbruch, mit Anfang 20 zog er in den Krieg nach Frankreich und Russland. Dort geriet er in Gefangenschaft. „Mein schönstes Erlebnis war die Freiheit danach“, sagt er. Zwei Jahre nach seiner Heimkehr heiratete er Ottilie Endl und übernahm den Hof ihrer Eltern samt zwölf Hektar Land.

Neben Christine, einer von zwei Töchtern, leben auf dem Hof Pferde, Hunde, Ziege Emmi und die Hühner. Ein fröhlich wuchernder Garten liefert Obst und Gemüse.


Bayerischer WaldDas erspart viele Wege in den Supermarkt. Mit dem Besenbinden ist kein Geld zu verdienen, das bringen Feriengäste auf den Hof. Jede Ecke dekorierte die Floristin liebevoll mit Strohherzen, Kränzen, rustikalen Vasen. Aus dem alten Stall zauberte sie eine bunte Kuschelhöhle zum Lesen und Reden. Das Vieh ist schließlich längst verkauft. „Da war dem Papa im Winter langweilig, so hat er gut hundert Besen gemacht. Zehn pro Tag.“ Heute sind es natürlich weniger.

Aber ein Besenoberteil, das hat er bewiesen, schafft er immer noch in einer halben Stunde. Anschließend muss das Werk zwei Wochen lang mit einem Stück Eisen beschwert werden. Dann feuchtet man das breitgedrückte Reisigbündel in Wasser an und klopft einen aus dem Wald mitgebrachten Stiel hinein. Nun steht der Besen bereit zur Arbeit vor der Haustür.

Wer viel fegt, verschleißt ihn in wenigen Monaten. „Aber ein gekaufter hält auch nicht länger“, meint Christine Riesinger.

Dafür sei er nicht so schön wie ein selbst geflochtener. Der Vater nickt. Die Arbeit hat ihn ermüdet. „Jetzt leg i mi hin“, sagt er in schönstem Bayerisch und schlurft langsam, aber aufrecht zum Haus.

Das fertige Besenoberteil lässt er im Gras liegen mit den Worten: „Das dürft´s mitnehmen“. Da müssen wir uns etwas beeilen. Denn Emmi, die besengierige Ziege, stakst bereits schnüffelnd auf das Reisigbündel zu. Manuela Huber


 

Ein Hof mit Gemüt

Urlaub im Bayerischen Wald

und selber gemachten Likör am Abend? Christine Riesinger und Georg Krenn beherbergen bis zu zwölf Gäste. Nach einem ruhigen Wochenende auf diesem malerischen Hof hält die Erholung lange vor.

Mehr Infos auf www.endlhof.de
Tel. (08504) 13 06.


 

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Mit offizieller Genehmigung

Liebes Land 2011

Bayerischer Wald

Heft 11/2011

Originalartikel zum Download